Montag, 13. Juli 2015

Hypnose in kleinen Schritten

Hypnose in kleinen Schritten

Bei dem Bild, das wir von Hypnose haben, geht es immer um Alles oder Nichts. Entweder die betreffende Person ist in Trance, oder sie ist es nicht. Entweder sie tut was wir ihr sagen, oder sie tut es nicht. Entweder wir haben die Kontrolle, oder der andere hat sie.

Wir sprechen zwar von unterschiedlichen Trancetiefen, und wissen auch, dass man nicht unbedingt eine somnambulistische Trance benötigt, um mit Hypnose eine Wirkung zu erzielen, aber gerade wenn wir als Hypnoseneuling mit unseren Freunden austesten wollen, ob wir auch wirklich in der Lage sind, einen normalen Menschen (im Unterschied zu unseren Lernpartnern im Hypnosekurs) zu hypnotisieren, ist die Hypnosetiefe für uns das wichtigste Kriterium. Außerdem wollen wir dann in der Regel auch gleich, dass unsere Versuchsperson Kunststückchen vorführt.

Wir wollen uns und unseren Partnern etwas beweisen. Das ist auch nur verständlich und unter günstigen Bedingungen wäre auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Aber gerade wenn unsere Partner Vorbehalte dagegen haben, sich überhaupt hypnotisieren zu lassen, überspannen diese Anforderungen oft den Bogen. Wir überfordern unseren Partner, und können diesen hochgesteckten Ansprüchen nicht genügen. Das ist dann frustrierend, weil man denkt, man könne nicht einmal die einfachsten Hypnoseübungen erfolgreich durchführen. Aber die einfachsten Übungen werden außerordentlich schwierig, wenn die Bedingungen dafür so ungünstig sind. Wenn sie Hypnose praktisch anwenden wollen, dann haben Sie aber in vielen Fällen viel einfachere Bedingungen. Zum Beispiel brauchen Sie dann sich und anderen nichts zu beweisen. Sie wollen eine Wirkung erzielen, aber Sie brauchen dazu meistens keinen eindrucksvollen Wow-Effekt. Weniger ist dann oft mehr.

Hypnose im Richtigen Leben

Die Fragen, die man sich als erstes stellen sollte, lauten: Brauche ich für das, was ich erreichen will, überhaupt eine tiefe Trance? Ist es dazu notwendig, dass ich außergewöhnliche Trancephänomene hervorrufen kann? Ist es überhaupt notwendig oder auch nur wünschenswert, dass die andere Person sich der Tatsache bewusst wird, dass ich hier Hypnose anwende?

Eine offen angewandte Hypnose mit einer tiefen Trance ist tatsächlich nur in ganz wenigen Ausnahmesituationen angebracht. Da ist zum einen die Hypnoseshow. Man will einfach demonstrieren, dass es möglich ist. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

In der Therapie verwendet man ganz gerne tiefe Entspannungstrancen, weil die Klienten einfach davon profitieren, wenn sie lernen, sich tief zu entspannen. Außerdem spielt auch in der Therapie eine gute Show keine ganz unbedeutende Rolle. Gerade weil man in der Hypnose darauf abzielt, Widerstände zu umschiffen und automatisch ablaufende Reaktionen zu provozieren, haben die Klienten oft nicht das Gefühl, dass überhaupt etwas außergewöhnliches passiert ist. Wenn man Geld für eine Hypnosetherapie ausgegeben hat, dann will man auch das Gefühl haben, dass die Therapie etwas gebracht hat. Wenn der Klient glaubt, er hätte das Problem einfach so, ganz wie von selbst gelöst, und hätte sich die Therapie eigentlich sparen können, dann ist das für den Therapeuten natürlich ein mittleres Desaster. Und wenn sich der Klient dann später einredet, die Therapie hätte nichts gebracht, dann kann das auch den praktischen Erfolg im Nachhinein wieder zunichte machen. Davon abgesehen braucht man aber auch in der Psychotherapie meisten keine tiefen Trancezustände, um die nötige Veränderungsarbeit zu leisten.

Wenn man Hypnose im Alltag anwenden – und nicht nur demonstrieren will, braucht man eine tiefe Trance so gut wie überhaupt nicht. Erinnern wir uns noch einmal an die drei Schritte, aus denen Hypnose besteht:

  1. Aufmerksamkeit fokussieren
  2. Widerstand vermeiden oder umgehen
  3. Automatisch ablaufende Reaktionen anregen

Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass die Begriffe Trance oder Entspannung in dieser Beschreibung überhaupt nicht vorkommen. Gerade eine tiefe Entspannung wollen wir oft auf keinen Fall.

Kontextabhängiges Lernen

Stellen Sie sich vor, ein Boxer will mit Hilfe von Hypnose seine Leistungsfähigkeit steigern. Es gibt im Training und der Kampfvorbereitung sicherlich genügend Situationen, in denen die Fähigkeit, sich tief zu entspannen, für den Boxer extrem hilfreich sein kann. Aber während des Kampfes ist Tiefenentspannung vermutlich nicht das Richtige.

Wenn wir Lernen – egal ob es um Bruchrechnen, oder den Umgang mit unseren eigenen Emotionen und Gedanken geht, dann sollten wir immer darauf achten, dass wir beim Lernen in der gleichen Gemütsverfassung sind, in der wir uns auch befinden, wenn wir das Gelernte anwenden wollen. Unser Gedächtnis ist kontextabhängig.

Unser Gedächtnis ist nicht wie ein Archiv, in dem einzelne Erinnerungen feinsäuberlich in unterschiedliche Schubladen abgelegt werden. Unsere Erinnerungen hängen vielmehr in einem verworrenem, mehrdimensionalen Netz, zusammen mit anderen Erinnerungen. Wenn wir uns an etwas erinnern, dann rufen wir nicht einfach nur eine einzelne Information ab, wir greifen uns immer einen ganzen Armvoll von diesem Netz.

Wenn die Umstände, unter denen wir unsere Fähigkeiten anwenden wollen, deutlich von den Bedingungen abweichen, unter denen wir diese Fähigkeiten erworben haben, dann fällt uns das deutlich schwerer. Wenn wir lernen wollen, wie wir in Stresssituationen anders reagieren, die neuen Verhaltensweisen aber ausschließlich im Zustand tiefster Entspannung und Zufriedenheit trainieren, dann haben wir auf das Erlernte gerade dann keinen Zugriff, wenn wir es am nötigsten brauchen.

Und nicht nur Boxer brauchen ihre Fähigkeiten gerade in angespannten Situationen. Die meisten Probleme, mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen, treten dann auf, wenn wir wach und aktiv sein müssen, und nicht in eine tiefe Entspannungstrance gehen können.

Der kleine Schubs in die richtige Richtung.

Ganz davon abgesehen, wollen wir uns aber auch so wenig Arbeit wie möglich mit der Hypnose machen. Wir wollen nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, sondern nur das allernötigste tun, um unser Ziel zu erreichen. Wenn man zu viel des Guten tut, erhöht man ab einem gewissen Punkt das Risiko, dass man wieder Widerstand heraufbeschwört. Oft geht es wirklich nur darum, uns selbst oder unseren Mitmenschen den entscheidenden kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Sie haben sicherlich schonmal jemanden auf einer Schaukel angestoßen. Dann wissen Sie auch, dass man mit einem kräftigen Stoß und großem Kraftaufwand bei weitem nicht so hoch kommt, wie mit vielen kleinen Schubsern. Erstens müssen Sie sich auf die Art und Weise kaum anstrengen und zweitens läuft dabei der Mensch auf der Schaukel nicht Gefahr, durch den heftigen Stoß den Halt zu verlieren. Und wenn Sie mal einen kleinen Schubser verpassen, dann fällt das überhaupt nicht ins Gewicht.

Und bedenken Sie immer: Wir wollen mit Hypnose automatisch ablaufende Reaktionen hervorrufen. Wenn wir wollen, dass das ganz natürlich wie von Selbst abläuft, dann müssen wir selbst uns auch ganz natürlich dabei verhalten. Im Idealfall wollen wir höchstens 1–2 Sätzen sagen müssen, um die gewünschte Reaktion zu erzielen. Und wir wollen dann auf keinen Fall, das das jedes mal so aussieht, als hätten wir Hypnose angewendet.

Mit nur wenigen Worten automatisch ablaufende Reaktionen anregen, ohne dabei erkennen zu lassen, dass Sie Hypnosetechniken anwenden, hört sich viel schwieriger an, als eine lange Hypnoseinduktion mit einer tiefen Trance durchzuführen. Aber das ist es nicht. Und das allerbeste ist: Wenn es mal nicht klappt, merk das auch niemand. Sie können auf diese Weise nicht verlieren.

Dazu nächste Woche mehr.

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