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Montag, 3. August 2015

Einfach Sprechen

Einfach Sprechen

In der Hypnoseausbildung wird den sprachlichen Mitteln oft ein sehr großer Stellenwert beigemessen. Als Hypnotiseur spricht man während der Arbeit fortwährend. Insofern ist Sprache natürlich das wichtigste Werkzeug. Aber gerade Hypnotiseure, die sich bei ihrer Arbeit auf vorgefertigte Hypnoseskripte stützen, überschätzen die Bedeutung der sprachlichen Kniffe.

Die Texte in fertigen Hypnoseskripten sind tatsächlich ausgefeilt und eignen sich sicherlich hervorragend für Trockenübungen. Man sollte sich in der Praxis aber von diesen Skripten freimachen. In vielen Hypnosekursen wird den angehenden Hypnotiseuren beigebracht, vom Blatt abzulesen. Das funktioniert durchaus, hat aber entscheidende Nachteile. Die Skripte sind zwar kunstvoll, elegant und die sprachlichen Muster erzielen durchaus ihre Wirkung. Aber so ein Skript ist halt ziemlich unflexibel. Und wenn man als Hypnotiseur vom Blatt abliest, fällt es schwer gleichzeitig den Klienten genau zu beobachten. Da kann es dann durchaus passieren, dass man vorliest, wie schön es doch sei, sich mit geschlossenen Augen ruhig zu entspannen, während der Klient mit weit aufgerissenen Augen und deutlich erhöhtem Muskeltonus vor einem Sitzt. Wenn man merkt, dass Realität und Skript nicht mehr zusammen passen, kann man natürlich vom Skript abweichen. Aber wenn man bisher abgelesen hat statt frei zu formulieren, dann kommt es zu einem Bruch im bisher so geradlinigen Vorgehen.

Der entscheidenden Punkt ist aber, dass man wirklich schlecht Rapport aufbauen kann, wenn man seinen Text abliest anstatt einfach mit seinem Gegenüber zu sprechen. Daher lautet mein Rat: Weg mit den Hypnoseskripten. Benutzen Sie die Skripte ruhig, um sich Anregungen zu hohlen, aber in der Hypnosesitzung habe sie nichts verloren.

Weniger ist mehr

Der Grad an Finesse, der in Hypnoseskripten hochgehalten wird, ist in der Praxis überhaupt nicht notwendig. Das, was Sie durch die Feinheiten der sprachlichen Mittel dazu gewinnen, wiegt den Verlust an Aufmerksamkeit, Authentizität und Flexibilität bei weitem nicht auf.

Sie müssen lediglich in der Lage sein, einen Redefluss aufrecht zu erhalten, ohne sich dabei anzuhören, wie ein kaputter Plattenspieler, der immer wieder die gleichen Befehle abspult.

Vergleichen Sie einmal die beiden folgenden Beispiele:

Beispiel 1: Einzelne Sätze:

Sitzen Sie still.
Hören Sie auf meine Stimme.
Spüren Sie den Stuhl auf dem Sie sitzen.
Fühlen Sie sich Sicher.
Achten Sie auf Ihren Atem.
Ihr Atem wird ruhiger.
Schließen Sie die Augen.
Gehen Sie in Trance.

Beispiel 2: Ein fließender Text:

Sie brauchen überhaupt nichts zu tun. Sie können einfach ruhig da Sitzen und mir ganz entspannt zuhören. Und während Sie es sich bequem machen und den Stuhl spüren auf dem Sie sitzen, können Sie sich hier ganz sicher und geborgen fühlen. Wenn Sie mal auf Ihren Atem achten, dann merken Sie vielleicht, dass Ihr Atem schon von ganz allein begonnen hat, etwas ruhiger zu werden. Das bedeutet, dass Sie schon anfangen, in einen angenehmen, entspannten Trancezustand zu gleiten. Wenn Sie die Augen schließen, dann können Sie das bestimmt noch viel besser genießen.

Beispiel 1 besteht aus einzelnen Sätzen in Befehlsform. Das entspricht dem, was wir von Hypnotiseuren in einschlägigen Unterhaltungsfilmen kennen. Das Problem mit solchen direkten Anweisungen ist, dass Sie zum Widerstand geradezu auffordern. Aber das ist es ja gerade, was wir vermeiden wollen. Wir erinnern uns. Als Hypnotiseur wollen wir:

  1. Aufmerksamkeit fokussieren
  2. Widerstand vermeiden oder umgehen
  3. Automatisch ablaufende Reaktionen anregen

Dieses Problem haben wir mit dem zweiten Beispiel nicht. Wir haben aus den einzelnen harten Sätzen im Imperativ eine fließenden Text mit weicher Sprache gemacht. Wir geben keine Befehle, sondern sprechen einfach über die Dinge, die der Klient jetzt tun könnte, um auf möglichst angenehme Art in einen entspannten Tranceustand zu gehen. Die Befehle im ersten Beispiel stehen jeder für sich, und können daher auch jeder für sich abgelehnt werden. In Beispiel 2 sind die Vorschläge, die wir machen alle in einem weichen, Sprachbrei miteinander verkocht. Man verbindet Sätze mit „und, “oder„ oder “während„ und stellt mit “Wenn-Dann„ oder “Das Bedeutet., dass" Kausalzusammenhänge her.

Viel wichtiger als die Sprachmuster, ist die Art wie Sie die Worte vorbringen. Versetzen Sie zunächst sich selbst in den richtigen Bewusstseinszustand und stellen Sie sich dann auf Ihr gegenüber ein. Wenn Sie sich dabei zu viele Gedanken über die Sprachlichen Mittel machen, dann wird Ihnen das deutlich schwerer fallen. Weniger ist mehr. Wenn Sie voll und ganz bei der Sache sind und guten Rapport haben, können Sie auch die Sätze aus Beispiel 1 benutzen, und fahren dabei besser, als wenn Sie sich mit komplizierten Hypnotischen Sprachmustern überfordern, und darüber den Kontakt mit ihrem Partner verlieren.

Üben Sie ruhig die verschiedenen Sprachmuster. In der einschlägigen NLP Literatur finden sie Unmengen an Sprachmustern und dazu passende Übungen. Sprache ist eines unserer wichtigsten Werkzeuge. Aber in den meisten Fällen kommt man mit einem Text wie in Beispiel 2 prima zurecht, und selbst Beispiel 1 kann funktionieren, wenn alles andere stimmt.

Montag, 27. Juli 2015

Hypnose Stressfest Machen

Spielplatz

Letzte Woche habe ich eine einfache Übung beschrieben, mit der Sie sich schnell und einfach in einen Bewusstseinszustand versetzen können, der ideal für Hypnose ist. Mit nur ein klein wenig Übung können Sie sich in genau den ressourcenreichen Zustand versetzen, in dem Sie vollen Zugriff auf ihr natürliches Kommunikationstalent haben. Es gibt da allerdings einen kleinen Haken: Oft vergessen wir im entscheidenden Moment auch solche einfachen Techniken.

Auch wenn man diese Übung bereits zigmal in alltäglichen Situationen geübt hat, und sie einem in diesen Situationen zur Gewohnheit geworden ist — gerade dann, wenn wir es am dringendsten bräuchten, vergessen wir völlig, dass wir dieses Werkzeug zur Verfügung haben.

Das hängt wieder mit dem Kontextabhängigen Lernen zusammen: Wir haben diese Technik zunächst in entspannter Atmosphäre für uns allein geübt. In diesem entspannten Zustand haben wir kein Problem damit, diese Übung zu machen. Dann haben wir diese Übung in Alltagssituationen angewendet. Normalerweise sind wir auch da noch recht entspannt.

Aber dann kommen wir irgendwann in eine problematische Situation, eine Auseinandersetzung oder einfach nur ein dummes Missverständnis, in der wir einen guten Rapport mit unserem Gegenüber und die entsprechenden anderen Ressourcen, die damit einhergehen (wie z.B. eine besonnene Gelassenheit und Einfühlungsvermögen) wirklich gut gebrauchen könnten, aber wir vergessen diese Übung völlig. Nicht nur, dass diese Übung, die uns in anderen Situationen schon zur Gewohnheit geworden ist, jetzt nicht automatisch abläuft — wir denken noch nicht einmal daran, sie Bewusst auszuführen. Anstatt einen Schritt zurückzutreten, einen tiefen Atemzug zu machen und uns in den ressourcenreichen Zustand zu versetzen, verfallen wir in alte Verhaltensmuster. Es ist als hätten wir überhaupt nichts dazu gelernt.

Erst später, wenn wir wieder etwas ruhiger werden, fällt uns ein, dass wir diese Übung vergessen haben. Wenn Sie meinen Blog soweit verfolgt haben, dann haben Sie vermutlich eine Idee, wie man dieses Problem bewältigen kann:

Man muss die Fähigkeit ganz bewusst in einem Kontext üben, welcher der Problemsituation möglichst nahekommt.

Sie haben bereits gesehen, wie man sich in diesen positiven Bewusstseinszustand versetzt, in dem man die nötigen Ressourcen zur verfügung hat. Genau so können Sie sich aber auch in den ressourcenarmen Zustand versetzen, in dem Sie bisher nicht einmal daran gedacht haben, auf ihre Fähigkeiten zuzugreifen. Und genau das können Sie nutzen, um ihre Fähigkeiten stressfest zu machen.:

Wie man Probleme wegPUZT:

Zunächst versetzen wir uns (oder eine andere Person, die wir coachen oder therapieren) in den Problemzustand. Dann setzen wir einen Impuls, diesen Problemzustand zu Unterbrechen und versetzen uns anschließend in den Zielzustand. Dann versetzen wir uns in wieder in die Problematische Situation und Testen wie sich diese Übung auswirkt. Wenn wir mit dem Ergebnis zufrieden sind, sind wir fertig, ansonsten wiederholen wir die vier Schritte einfach noch einmal.

Diese Methode ist das Grundmuster für alle Arten von Veränderungsarbeit. Man trainiert schlicht und einfach die Veränderung, die man erreichen will. Man fängt mit dem Ist-Zustand an und vollzieht die Veränderung zum Soll-Zustand. Und das trainiert man dann solange wie notwendig.

Auch wenn das Muster immer das gleiche ist, können unterschiedliche Anwendungen und selbst unterschiedliche Durchgänge innerhalb einer Anwendung völlig unterschiedlich aussehen. Man kann das ganze völlig transparent gestalten, so dass die betreffende Person die Vorgehensweise bewusst wahrnimmt und steuert. Oder man kann das Muster in der Trancearbeit verwenden, in Metaphern verpacken und den bewussten Verstand aus dem Prozess heraushalten. Man kann das Training nur in Gedanken durchspielen, die Situation in einem Rollenspiel simulieren oder das Zielverhalten in der realen Situation trainieren. Mann fängt mit einfachen Übungen und einfachen Tests an. Wenn das Training anschlägt steigert man langsam den Schwierigkeitsgrad.

Wie könnte dann diese Vorgehensweise konkret bei unserer Übung zur Inneren Einstellung des Hypnotiseurs aussehen?

Wie Sie den Zielzustand erreichen, haben Sie bereits geübt. Sie habe dazu Erinnerungen an eine konkrete Situation, in der Sie diesen Zielzustand bereits erlebt haben, in sich wachgerufen. Gehen Sie die Anleitung von letzter Woche noch einmal durch. Sie haben vielleicht gemerkt, dass die Fragen, die ich in dieser Übung gestellt habe, auf ein einzelnes Ereignis abzielen und nicht auf eine typische Situation. Das hat den Vorteil, dass Sie sich mit allen Sinnen an einen Ort, in eine bestimmte Situation hineinversetzen können und nicht in ein Gemenge von unterschiedlichen teils widersprüchlichen Wahrnehmungen.

Genau so, wie Sie den Zielzustand in sich wachrufen, können Sie auch Erinnerungen and den Problemzustand abrufen und sich so in diesen Zustand hineinversetzen. Gehen Sie einfach die Übung von Letzter Woche mit veränderten Vorzeichen durch. Denken Sie einfach an eine konkrete Situation, in der die Kommunikation mit einem Menschen nicht gut gelaufen ist.

Negative Bewusstseinszustände schnell unterbrechen

Sie wollen diesen negativen Zustand sicherlich nicht gerne über längere Zeit aufrecht erhalten. Negative Bewusstseinszustände beenden zu können, ist eine wirklich nützliche Fähigkeit. Eine sehr einfache Methode ist, mit einer schnellen ruckartigen Bewegung, „Stop!“ zu sagen.

Wenn etwas unvorhergesehenes, überraschendes und möglicherweise bedrohliches passiert, dann reagieren wir, indem wir zusammenzucken und für einen kurzen Moment vergessen, was uns gerade noch beschäftigt hat. Das ist eine Art Alarmprogramm, das dafür sorgt, dass wir uns auf die neue Situation einstellen. Wir können uns selbst schlecht überraschen, aber wir können dieses Alarmprogramm starten, indem wir ganz bewusst zusammenzucken.

Wenn man das Verhaltenstraining mit einer anderen Person zusammen macht, dann braucht man diesen drastischen Stopimpuls nicht unbedingt. Der Nachteil bei dieser Methode ist, dass dieser Stopimpuls natürlich mit in das neue Verhaltensmuster mit eingeht. Man ist dann immer ein klein wenig überrascht, wenn man das neue Verhaltensmuster durchläuft. Und das führt dazu, dass man sich der veränderten Reaktionsmuster eher bewusst wird. Es ist zwar ganz schön, wenn man sich des Erfolges der Veränderungsarbeit bewusst wird, aber es hat durchaus Vorteile, wenn die neuen Verhaltensmuster so einfach und natürlich ablaufen, dass man die Veränderung überhaupt nicht bemerkt. Wenn man die Veränderungsarbeit mit einem Klienten macht, kann man den Übergang vom Problemzustand zum Zielzustand weicher gestalten, und Prozesse, welche die Veränderung bewusst werden lassen, aussparen.

Wenn man die Veränderungsarbeit an sich selbst vornimmt, dann ist das Bewusstsein aber eh an diesem Prozess beteiligt, und dann ist diese einfache Methode wirklich sehr hilfreich. Und diesen Unterbrecher kann man auch sonst immer mal gut gebrauchen. Immer wenn man feststellt, dass man bereits zu lange in einer wenig hilfreichen Verfassung ist, kann man diesen Zustand unterbrechen.

Nun fehlt uns für unser für unser PUZT nur noch das T, das Testen des Ergebnisses. Das ist wirklich ganz einfach. Nachdem man den negativen Zustand unterbrochen hat und die Ressourcen hinzugefügt hat, konfrontiert man die entsprechende Person wieder mit der Problemsituation, und beobachtet, wie sich die Emotionale Reaktion verändert hat. Wenn die Reaktion uneingeschränkt positiv ausfällt, ist die Arbeit beendet. Falls es noch etwas zu tun gibt, PUZT man einfach weiter. Man kann dann direkt vom T in das nächste P springen.

Im Grunde genommen geht es hier wirklich nur um ganz einfache Lernprozesse. Und was grundsätzlich für alle Lernprozesse gilt, gilt auch hier. Man lernt durch Wiederholung. Oft geht das sehr schnell, aber manchmal braucht man halt etwas länger, damit es wirklich sitzt. Die Zeit muss man sich dann einfach nehmen. Fangen Sie leicht an und steigern Sie dann allmählich den Schwierigkeitsgrad. Wenn man anfängt zu Joggen, beginnt man nicht mit einem Marathon und wenn man Differentialgleichungen lösen will, muss man erst die vier Grundrechenarten beherrschen.

Wenn Sie die Übungen zur Inneren Einstellung des Hypnotiseurs machen, dann fangen Sie erst einmal mit Trockenübungen an, dann üben Sie die Anwendung in unproblematischen Situationen, und dann machen Sie sich an das Training in Problemlagen. Sie machen das Training zuerst nur in Ihrer Vorstellung (ob mit oder ohne tiefer Trance), aber letzten Endes müssen Sie immer die reale Situation austesten. Wenn Sie z.B. jemandem helfen wollen, mit dem Rauchen aufzuhören, dann wollen Sie, dass er Ihnen ins Gesicht lacht, wenn Sie ihm den Aschenbecher hinstellen und ihm sagen, er solle sich ruhig eine anzünden.

Ein fehlgeschlagener Test ist kein Beinbruch. Es geht hier nicht um eine Abiturprüfung, die über den Rest des Lebens entscheiden kann. Wenn der Test fehlschlägt, dann bedeutet das lediglich, dass man noch ein wenig weiter PUZT. Wenn Sie beim Testen rigoros vorgehen, dann können Sie auch sicher sein, dass sie die neuerworbenen Fähigkeiten auch in der Praxis anwenden können.

Montag, 13. Juli 2015

Hypnose in kleinen Schritten

Hypnose in kleinen Schritten

Bei dem Bild, das wir von Hypnose haben, geht es immer um Alles oder Nichts. Entweder die betreffende Person ist in Trance, oder sie ist es nicht. Entweder sie tut was wir ihr sagen, oder sie tut es nicht. Entweder wir haben die Kontrolle, oder der andere hat sie.

Wir sprechen zwar von unterschiedlichen Trancetiefen, und wissen auch, dass man nicht unbedingt eine somnambulistische Trance benötigt, um mit Hypnose eine Wirkung zu erzielen, aber gerade wenn wir als Hypnoseneuling mit unseren Freunden austesten wollen, ob wir auch wirklich in der Lage sind, einen normalen Menschen (im Unterschied zu unseren Lernpartnern im Hypnosekurs) zu hypnotisieren, ist die Hypnosetiefe für uns das wichtigste Kriterium. Außerdem wollen wir dann in der Regel auch gleich, dass unsere Versuchsperson Kunststückchen vorführt.

Wir wollen uns und unseren Partnern etwas beweisen. Das ist auch nur verständlich und unter günstigen Bedingungen wäre auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Aber gerade wenn unsere Partner Vorbehalte dagegen haben, sich überhaupt hypnotisieren zu lassen, überspannen diese Anforderungen oft den Bogen. Wir überfordern unseren Partner, und können diesen hochgesteckten Ansprüchen nicht genügen. Das ist dann frustrierend, weil man denkt, man könne nicht einmal die einfachsten Hypnoseübungen erfolgreich durchführen. Aber die einfachsten Übungen werden außerordentlich schwierig, wenn die Bedingungen dafür so ungünstig sind. Wenn sie Hypnose praktisch anwenden wollen, dann haben Sie aber in vielen Fällen viel einfachere Bedingungen. Zum Beispiel brauchen Sie dann sich und anderen nichts zu beweisen. Sie wollen eine Wirkung erzielen, aber Sie brauchen dazu meistens keinen eindrucksvollen Wow-Effekt. Weniger ist dann oft mehr.

Hypnose im Richtigen Leben

Die Fragen, die man sich als erstes stellen sollte, lauten: Brauche ich für das, was ich erreichen will, überhaupt eine tiefe Trance? Ist es dazu notwendig, dass ich außergewöhnliche Trancephänomene hervorrufen kann? Ist es überhaupt notwendig oder auch nur wünschenswert, dass die andere Person sich der Tatsache bewusst wird, dass ich hier Hypnose anwende?

Eine offen angewandte Hypnose mit einer tiefen Trance ist tatsächlich nur in ganz wenigen Ausnahmesituationen angebracht. Da ist zum einen die Hypnoseshow. Man will einfach demonstrieren, dass es möglich ist. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

In der Therapie verwendet man ganz gerne tiefe Entspannungstrancen, weil die Klienten einfach davon profitieren, wenn sie lernen, sich tief zu entspannen. Außerdem spielt auch in der Therapie eine gute Show keine ganz unbedeutende Rolle. Gerade weil man in der Hypnose darauf abzielt, Widerstände zu umschiffen und automatisch ablaufende Reaktionen zu provozieren, haben die Klienten oft nicht das Gefühl, dass überhaupt etwas außergewöhnliches passiert ist. Wenn man Geld für eine Hypnosetherapie ausgegeben hat, dann will man auch das Gefühl haben, dass die Therapie etwas gebracht hat. Wenn der Klient glaubt, er hätte das Problem einfach so, ganz wie von selbst gelöst, und hätte sich die Therapie eigentlich sparen können, dann ist das für den Therapeuten natürlich ein mittleres Desaster. Und wenn sich der Klient dann später einredet, die Therapie hätte nichts gebracht, dann kann das auch den praktischen Erfolg im Nachhinein wieder zunichte machen. Davon abgesehen braucht man aber auch in der Psychotherapie meisten keine tiefen Trancezustände, um die nötige Veränderungsarbeit zu leisten.

Wenn man Hypnose im Alltag anwenden – und nicht nur demonstrieren will, braucht man eine tiefe Trance so gut wie überhaupt nicht. Erinnern wir uns noch einmal an die drei Schritte, aus denen Hypnose besteht:

  1. Aufmerksamkeit fokussieren
  2. Widerstand vermeiden oder umgehen
  3. Automatisch ablaufende Reaktionen anregen

Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass die Begriffe Trance oder Entspannung in dieser Beschreibung überhaupt nicht vorkommen. Gerade eine tiefe Entspannung wollen wir oft auf keinen Fall.

Kontextabhängiges Lernen

Stellen Sie sich vor, ein Boxer will mit Hilfe von Hypnose seine Leistungsfähigkeit steigern. Es gibt im Training und der Kampfvorbereitung sicherlich genügend Situationen, in denen die Fähigkeit, sich tief zu entspannen, für den Boxer extrem hilfreich sein kann. Aber während des Kampfes ist Tiefenentspannung vermutlich nicht das Richtige.

Wenn wir Lernen – egal ob es um Bruchrechnen, oder den Umgang mit unseren eigenen Emotionen und Gedanken geht, dann sollten wir immer darauf achten, dass wir beim Lernen in der gleichen Gemütsverfassung sind, in der wir uns auch befinden, wenn wir das Gelernte anwenden wollen. Unser Gedächtnis ist kontextabhängig.

Unser Gedächtnis ist nicht wie ein Archiv, in dem einzelne Erinnerungen feinsäuberlich in unterschiedliche Schubladen abgelegt werden. Unsere Erinnerungen hängen vielmehr in einem verworrenem, mehrdimensionalen Netz, zusammen mit anderen Erinnerungen. Wenn wir uns an etwas erinnern, dann rufen wir nicht einfach nur eine einzelne Information ab, wir greifen uns immer einen ganzen Armvoll von diesem Netz.

Wenn die Umstände, unter denen wir unsere Fähigkeiten anwenden wollen, deutlich von den Bedingungen abweichen, unter denen wir diese Fähigkeiten erworben haben, dann fällt uns das deutlich schwerer. Wenn wir lernen wollen, wie wir in Stresssituationen anders reagieren, die neuen Verhaltensweisen aber ausschließlich im Zustand tiefster Entspannung und Zufriedenheit trainieren, dann haben wir auf das Erlernte gerade dann keinen Zugriff, wenn wir es am nötigsten brauchen.

Und nicht nur Boxer brauchen ihre Fähigkeiten gerade in angespannten Situationen. Die meisten Probleme, mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen, treten dann auf, wenn wir wach und aktiv sein müssen, und nicht in eine tiefe Entspannungstrance gehen können.

Der kleine Schubs in die richtige Richtung.

Ganz davon abgesehen, wollen wir uns aber auch so wenig Arbeit wie möglich mit der Hypnose machen. Wir wollen nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, sondern nur das allernötigste tun, um unser Ziel zu erreichen. Wenn man zu viel des Guten tut, erhöht man ab einem gewissen Punkt das Risiko, dass man wieder Widerstand heraufbeschwört. Oft geht es wirklich nur darum, uns selbst oder unseren Mitmenschen den entscheidenden kleinen Schubs in die richtige Richtung zu geben.

Sie haben sicherlich schonmal jemanden auf einer Schaukel angestoßen. Dann wissen Sie auch, dass man mit einem kräftigen Stoß und großem Kraftaufwand bei weitem nicht so hoch kommt, wie mit vielen kleinen Schubsern. Erstens müssen Sie sich auf die Art und Weise kaum anstrengen und zweitens läuft dabei der Mensch auf der Schaukel nicht Gefahr, durch den heftigen Stoß den Halt zu verlieren. Und wenn Sie mal einen kleinen Schubser verpassen, dann fällt das überhaupt nicht ins Gewicht.

Und bedenken Sie immer: Wir wollen mit Hypnose automatisch ablaufende Reaktionen hervorrufen. Wenn wir wollen, dass das ganz natürlich wie von Selbst abläuft, dann müssen wir selbst uns auch ganz natürlich dabei verhalten. Im Idealfall wollen wir höchstens 1–2 Sätzen sagen müssen, um die gewünschte Reaktion zu erzielen. Und wir wollen dann auf keinen Fall, das das jedes mal so aussieht, als hätten wir Hypnose angewendet.

Mit nur wenigen Worten automatisch ablaufende Reaktionen anregen, ohne dabei erkennen zu lassen, dass Sie Hypnosetechniken anwenden, hört sich viel schwieriger an, als eine lange Hypnoseinduktion mit einer tiefen Trance durchzuführen. Aber das ist es nicht. Und das allerbeste ist: Wenn es mal nicht klappt, merk das auch niemand. Sie können auf diese Weise nicht verlieren.

Dazu nächste Woche mehr.